Das Hodgkin-Lymphom wird häufig bei Frauen im reproduktionsfähigen Alter diagnostiziert, weist aber unter einer adäquaten zytotoxischen Therapie eine sehr hohe Heilungsrate auf. Gemäß einer Kalkulation auf der Grundlage des Krebsregisters Saarland (www.krebsregister.saarland.de) dürften in Deutschland im Alter von 15-34 Jahren jährlich über 150 Frauen an einem Hodgkin-Lymphom mit einer hohen 5-Jahres-Überlebensrate aller Altersgruppen von 89% erkranken (von Wolff et al., Gynäkologische Endokrinologie, 2006, 4:189-96). Aufgrund dessen sollten alle Frauen mit einem Hodgkin-Lymphom und nicht abgeschlossener Familienplanung direkt nach der Diagnosestellung in einem versierten Zentrum für eine Beratung zur Fertilitätsprotektion vorgestellt werden werden (Kontakte).
Risiko der therapieinduzierten Ovarialschädigung Eine Abschätzung der therapieinduzierten Ovarialschädigung ist aufgrund einer begrenzten Datenlage nur bedingt möglich. Einige der publizierten Arbeiten basieren auf kleinen Fallzahlen oder stammen aus den 80iger Jahren und sind somit aufgrund der veränderten Chemotherapieschemata nur bedingt übertragbar.
In einer 1981 publizierten Studie entwickelten 11 von 24 (46 %) Patientinnen eine sekundäre Amenorrhoe nach der Behandlung eines Hodgkin-Lymphoms nach dem MOPP-Schema (Mechlorethamin, Vincristin, Procarbacin, Perdnison). (Schilsky et al. , Am J Med, 1981, 70: 552-56).
Gemäß einer 1983 veröffentlichten Studie entwickelten 17 von 44 (39 %) Patientinnen mit einem Hodgkin-Lymphom nach einer Behandlung nach dem MVPP-Schema (Mechlorethamin, Vincristin, Procarbacin und Perdnison) eine sekundäre Amenorrhoe (Whitehead et al., Cancer, 1983, 52: 988-93).
2003 wurde eine Studie publiziert, in der 34 von 84 (40 %) Patientinnen nach einer Behandlung eines Hodgkin- oder Non-Hodgkin-Lymphoms eine Amenorrhoe entwickelten (Franchi-Rezgui et al., Hematol J, 2003, 4: 116-20).
2005 wurde erstmals in einer großen Studie mit 405 befragten Patientinnen versucht, die Amenorrhoerate in Abhängigkeit vom Alter und der Art des applizierten Chemotherapieschemas zu evaluieren (Behringer et al., J Clin Onkol, 2005, 23: 7555-64). Die Amenorrhoeraten lagen bei Frauen < 30 Jahre zwischen 5% und 40% und bei Frauen ≥ 30 Jahren zwischen 5% und 70%. Niedrige Amenorrhoeraten fanden sich bei Chemotherapien nach dem ABVD-Schema. Deutlich höher war die Amenorrhoerate bei Behandlungen nach dem COPP, BEACOOP und besonders nach dem Dosis-intensivierten BEACOOP-Schema. Diese Studie unterstützt die Angaben anderer Arbeiten (Andre et al., Hematol Cell Ther, 1997, 39: 59-65; Busamolino et al., Haematologica, 2000, 85: 1032-1039), in denen gezeigt wurde, dass nach einer Behandlung nach dem ABVD-Schema, das in Frühstadien des Lymphoms eingesetzt wird, die Amenorrhoerate sehr gering ist. Somit kann bei der Gabe einer Chemotherapie nach dem ABVD-Schema auf die Durchführung fertilitätsprotektiver Maßnahmen ggf. verzichtet werden.
Möglichkeiten der Fertilitätsprotektion In der Regel können alle verfügbaren fertilitätsprotektiven Maßnahmen angeboten werden, da die zytotoxischen Therapie oft erst 2 Wochen nach der Diagnosestellung eingeleitet wird und somit ein ausreichend großes Zeitfenster zur Verfügung steht. Beim Mann stehe die Kryokonservierung von Spermien bzw. Hodengewebe zur Verfügung.
Als mögliche fertilitätsprotektive Maßnahmenkönnen durchgeführt werden:
Bei der Frau:
Durchgeführt werden kann die ovarielle Stimulation und die Kryokonservierung von fertilisierten oder unfertilisierten Oozyten.
Alternativ kann besonders bei Frauen <= 35 Jahre Ovarialgewebe laparoskopisch entnommen und kryokonserviert werden. Dabei muss das Risiko einer Metastasierung bei einer Re-Transplantation diskutiert werden, auch wenn es nach den bisherigen Transplantationen beim Menschen keine solchen Berichte gibt. Des Weiteren ist vor einer Laparoskopie zu klären, ob eine Intubation bei einem häufig mediastinalen Befall des Lymphoms risikolos möglich ist.
Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen können GnRH-Analoga während der Chemotherpie verabreicht werden. Allerdings fehlt noch ein eindeutiger Beweis zur Wirksamkeit der GnRH-Analoga. Die Summe der bisher publizierten Studien und die ersten Metananlysen weisen aber auf einen protektiven Effekt hin (Bedaiwy et al., Fertil Steril 2011)
Beim Mann:
Beim Mann ist die Kryokonservierung von Spermien ein etabliertes Verfahren. Vor einer zytotoxischen Therapie werden eine oder mehrere Samenproben durch eine Ejakulation gewonnen. Die Konservierung ist auch sinnvoll, wenn die Samenqualität eingeschränkt ist. Soll später auf die kryokonservierten Spermien zurückgegriffen werden, besteht je nach Spermienqualität und Spermienanzahl die Möglichkeit der wenig aufwendigen intrauterinen Insemination oder alternativ der ICSI-Behandlung. Die Erfolgsrate ist in der Regel unter Ausschöpfung aller verfügbaren Techniken sehr hoch, so grundsätzlich eine prophylaktische Konservierung von Spermien vor einer zytotoxischen Therapie empfohlen werden kann.